Wenn Eltern ihre Kinder vorübergehend oder dauerhaft nicht selbst versorgen können, springen häufig Großeltern, Tanten, Onkel oder enge Freunde ein. Viele übernehmen diese Verantwortung selbstverständlich, oft ohne zu wissen, dass sie Anspruch auf Unterstützung haben. Melanie Grieger-Neumann vom Pflegekinderdienst des SkF e.V. im Kreis Warendorf erklärt, warum eine offizielle Anerkennung als Pflegefamilie für Verwandte und Netzwerkpersonen sinnvoll sein kann.
Frau Grieger-Neumann, was versteht man eigentlich unter Verwandten- und Netzwerkpflege?
Verwandtenpflege bedeutet, dass Angehörige, zum Beispiel Großeltern, Tanten oder Onkel, ein Kind dauerhaft oder über längere Zeit bei sich aufnehmen. Von Netzwerkpflege spricht man, wenn
Personen aus dem sozialen Umfeld des Kindes diese Aufgabe übernehmen, etwa langjährige Bekannte, Nachbarn oder andere wichtige Bezugspersonen. „Rechtlich sind Verwandten- und Netzwerkpflege gleichgesetzt wie die Aufnahme eines fremden Pflegekindes“, erklärt Melanie Grieger-Neumann. „Die Familien erhalten dieselben Unterstützungsangebote.“
Wie häufig kommt das vor?
Die Zahl der anerkannten Verwandten- und Netzwerkpflegeverhältnisse ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das hat der SkF e.V. im Kreis Warendorf erkannt und sich 2018 gemeinsam mit der
Institut Leitung Dirk Schäfer vom Perspektive-Institut (Perspektive gGmbh) auf dem Weg gemacht und sich konzeptionell auf die Bedarfe von Verwandten- und Netzwerkpflegen spezialisiert. Der überwiegende Teil der betreuten Familien sind dabei Großeltern, die ihre Enkelkinder aufnehmen. „Wenn klar wird, dass die Eltern die Verantwortung für ihr Kind nicht mehr tragen können, prüfen die
Jugendämter in der Regel, ob es innerhalb der Familie oder des Netzwerkes verlässliche Bezugspersonen gibt, die die elterliche Verantwortung übernehmen könnten. Für die Kinder ist es oft eine große Hilfe, in einem vertrauten Umfeld bleiben zu können.“ so Melanie Grieger-Neumann.
Warum übernehmen Angehörige die Betreuung eines Kindes?
Die Hintergründe sind unterschiedlich. Manchmal leben Kinder bereits seit längerer Zeit teilweise oder ganz bei den Großeltern. In anderen Fällen geraten Eltern aufgrund psychischer Erkrankungen,
Überforderung oder schwieriger Lebenssituationen an ihre Grenzen. Wenn ein Kind nicht bei seinen Eltern bleiben kann, ist das immer eine belastende Situation“, sagt Grieger-Neumann. „Deshalb wird zunächst geschaut, ob es innerhalb der Familie Menschen gibt, die dem Kind Stabilität geben können. Bestehende Bindungen und das vertraute Umfeld bleiben somit erhalten.“ Viele Großeltern sagen: „Das ist doch mein Enkelkind, da helfe ich selbstverständlich.“
Warum lohnt sich trotzdem eine offizielle Anerkennung als Pflegefamilie?
Genau diese Haltung erlebt Grieger-Neumann häufig. Gleichzeitig seien vielen Familien die vorhandenen Hilfen gar nicht bekannt. „Viele Großeltern übernehmen die Betreuung aus Liebe und Verantwortungsgefühl. Aber ein Kind großzuziehen, bedeutet auch finanzielle Belastungen, organisatorische Herausforderungen und oft die Verarbeitung schwieriger Familiengeschichten.“ Wer offiziell als Pflegefamilie anerkannt ist, kann Pflegegeld erhalten, Beratung in Anspruch nehmen und von weiteren Leistungen profitieren. Dazu gehören unter anderem Unterstützungen bei besonderen Herausforderungen, Hilfen rund um Schule und Therapie oder die Begleitung durch Fachkräfte.
Welche Herausforderungen erleben Verwandtenpflegefamilien besonders häufig?
Eine der größten Herausforderungen sei die Veränderung der Rollen innerhalb der Familie. „Eine Großmutter ist plötzlich nicht mehr nur Oma, sondern übernimmt die Verantwortung für die
Erziehung. Gleichzeitig bleibt die Mutter die Mutter. Diese Rollen müssen für alle Beteiligten, und besonders für das Kind, klar sein.“ Hinzu komme, dass viele Großeltern ihre eigene Lebensplanung noch einmal komplett umstellen. „Viele hatten eigentlich andere Vorstellungen von ihrem Lebensabschnitt: mehr Freizeit, Reisen oder Hobbys. Stattdessen stehen nun wieder Elternabende, Arzttermine oder Sportvereine auf dem Programm.“
Welche Rolle spielt der Pflegekinderdienst dabei?
Der Pflegekinderdienst begleitet die Familien individuell und bedarfsgerecht. „Wir sind nicht die, die mit erhobenem Zeigefinger vor den Familien stehen“, betont Grieger-
Neumann. „Wir arbeiten wertschätzend, begleiten und unterstützen.“ Dazu gehören Beratungsgespräche, Unterstützung bei Gesprächen mit Schulen oder Therapeuten,
Hilfe bei der Organisation weiterer Förderangebote sowie die Vermittlung von Kontakten zu anderen Pflegefamilien. In regelmäßigen Abständen bietet der Pflegekinderdienst Veranstaltungen für die
Pflegefamilien, insbesondere auch für die Verwandten- und Netzwerkpflegen an. Besonders wichtig sei nämlich die Vernetzung untereinander. „Viele Familien sagen uns, wie entlastend es ist, sich mit anderen auszutauschen und zu merken: Wir sind mit unseren Fragen und Herausforderungen nicht allein.“
Was ist in dieser Situation besonders wichtig für die Kinder?
Im Mittelpunkt müsse immer das Kind stehen. „Kinder brauchen Ehrlichkeit, Klarheit und das Gefühl, dass sie an den Umständen keine Schuld tragen“, sagt Grieger-Neumann. „Es ist wichtig, ihnen ihre
Geschichte altersgerecht und wertfrei zu erklären.“ Auch wenn Enttäuschungen oder Konflikte zwischen Erwachsenen bestehen, sollten diese nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. „Ein Kind muss das Gefühl haben: Ich bin richtig, so wie ich bin. Und ich bin nicht verantwortlich für die Schwierigkeiten der Erwachsenen.“
Manche Familien haben Sorge vor einer Einmischung durch das Jugendamt. Zu Recht?
Diese Sorge begegnet dem Pflegekinderdienst häufig. „Das Jugendamt ist verantwortlich in der Hilfeplanung und arbeitet in der Regel unterstützend. Es geht darum, gemeinsam zu schauen, was
das Kind braucht“, erklärt Grieger-Neumann. Statt allein vor Herausforderungen zu stehen, hätten Familien Ansprechpartner an ihrer Seite. Verwandten- und Netzwerkpflegen sind mittlerweile ein
wichtiger Bestandteil in der Kinder- und Jugendhilfe geworden.
Was möchten Sie Großeltern, Verwandten und Freunden mitgeben, die bereits ein Kind betreuen oder darüber nachdenken?
„Man muss nicht alles allein schaffen“, sagt Melanie Grieger-Neumann. „Wer Verantwortung für ein Kind übernimmt, leistet etwas Großartiges. Dafür darf und sollte man Unterstützung annehmen.“ Ihr Rat: Sich unverbindlich beim örtlichen Jugendamt oder beim Pflegekinderdienst informieren. „Viele Familien wissen gar nicht, welche Möglichkeiten und Ansprüche es gibt. Dabei haben sowohl die Kinder als auch die Pflegenden ein Recht auf Unterstützung.“
Melanie Grieger-Neumann, Pflegekinderdienst SkF e.V. im Kreis Warendorf
Kontakt zum Pflegekinderdienst: grieger-neumann@skf-kreiswarendorf.de













